Stipendium erleben

Erfahrungsberichte: Studieren in Corona-Zeiten

BENJAMIN JOOST-MEYER ZU BAKUM | Bachelor Orchestermusik, Hochschule für Musik Detmold

„Wäre dies ein normales Semester, so sähe mein Tag in etwa so aus: von der Morgenfrische entzückt radele ich zur Hochschule, zerre meine Posaune aus dem Schrank und fange an die Räume um mich herum den Vormittag über in Klang zu tränken. Dann würde es mit einigen Freunden in die Mensa gehen, um dann gestärkt am frühen Nachmittag eine Vorlesung zu besuchen, am späten Nachmittag konzentriert einige Stunden zu üben, wonach auch schon das Abendbrot gekocht werden kann. Direkt danach geht es normalerweise nochmal bis 23 Uhr in die Hochschule um weiter zu üben. All das klingt womöglich sehr verbissen und getriezt, jedoch wird alles dadurch aufgelockert, das den ganzen Tag meine Freunde um mich herumwuseln, die alle das Gleiche tun. Und so schafft und erlebt man den Tag zusammen und merkt gar nicht, dass man eigentlich nur musiziert, isst und schläft…

Vieles hat sich nicht geändert. Aber die Veränderungen sind entscheidend: ich wohne derzeit bei meinen Eltern, da in Detmold die Räume geschlossen sind. Alle Vorlesungen finden statt, auch wenn ausschließlich online. Dadurch behält der Tag in seinen Grundzügen dieselbe Struktur, nur das die Energie, die dadurch entsteht, dass alle freudig den Tag über musizieren, nun ganz allein erhalten werden muss und das zerrt zunehmend an meiner Substanz.

Nicht nur ist mein Unterricht, bei dem es ja oft auf hohe Klangqualität ankommt über einen Computer gar nicht möglich, sondern der Spaß des Gemeinsamen, der Grund weshalb ich überhaupt Musik mache wird hauptsächlich aus meinem Gedächtnis genährt.

Das ist die größte Herausforderung, der ich mich aktuell stellen muss. Es funktioniert, weil ich isoliert auf einem großen Bauernhof lebe und draußen stundenlang helfen kann. Das ist sozial und physisch eine andere Situation, wodurch ich momentan noch ganz gut, wenn auch deutlich weniger effektiv mein Studium fortsetzen kann.

Mein Tipp in diesen Zeiten: Schauen Sie, dass Sie den Spaß an den Dingen, die Sie gerne tun jetzt nicht verlieren!“

 

ANDRÉ BRÖRING | Information Technology, Technische Hochschule OWL

„In meinem Studiengang mit kleiner Gruppengröße klappt es mit den digitalen Lehrveranstaltungen echt gut. Die meisten Videosysteme laufen sehr flüssig, man kann trotzdem jeder Zeit Fragen stellen und so es ist fast wie in der normalen Vorlesung. Außerdem haben ein paar Studierende einen Slack-Channel erstellt, in dem wir schnell Informationen zu den Inhalten austauschen und uns bei Problemen gegenseitig helfen können. Auch ein paar Professoren sind in dem Channel und können direkt helfen, wenn zu Übungen oder Praktika doch noch Fragen auftreten. Und das Treffen der Freunde und Kommilitonen in der Kneipe wird nun durch ein Bierchen im gemeinsamen Videochat ersetzt."

 

FINN BUTTGEREIT | Maschinenbau, Universität Paderborn

„In meinem Maschinenbausemester startet aktuell das dritte Master-Semester. Durch die (verhältnismäßig) flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten in der Reihenfolge des Masters konnte ich schon letztes Semester die meisten Prüfungen ablegen, weshalb aktuell die Studienarbeit und später die Masterarbeit ins Haus steht. Für mich ist es optimal, dass meine Studienarbeit im Februar angemeldet wurde und ich durch den Wegfall vieler anderer Termine meine Zeit sehr auf diese Arbeit fokussieren kann. Von den zwei geplanten Vorlesungen, welche ich dieses Semester belegen wollte, wurde eine leider um ein Jahr verschoben, während die andere als Videokonferenz stattfinden wird – aufgrund der kleinen Gruppengröße von acht Teilnehmern sollte dies auch kein Problem darstellen.

Ab dem 1. April hat für mich zudem eine Nebentätigkeit als WHB an einem Lehrstuhl der Uni gestartet. Die Einarbeitung hat dank Skype und Telefon sehr gut funktioniert und ich bin in meiner Arbeit durch das Homeoffice dort aktuell nicht sehr stark eingeschränkt, kann im Gegenzug sogar davon profitieren, dass Onlinetrainings welche für die Tätigkeit hilfreich sind für begrenzte Zeit kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Üblicherweise ist man in der Vorlesungszeit – und ich als Kombinationsstudent bei einem lokalen Unternehmen auch in der vorlesungsfreien Zeit – räumlich gebunden.

Da die Verschiebung hin zu Online Veranstaltung in meinem Umfeld schon vor Beginn der öffentlichen Einschränkungen absehbar war, konnte ich für die vergangene Zeit meinen Wohn-, Studien und Arbeitsort längerfristig zu meinen Schwiegereltern verlegen, welche noch einen Schlafplatz und ein Büro mit Blick auf den Thüringer Wald frei hatten. Somit ist zumindest der Ausblick während des Studiums deutlich besser als in meiner Stadtwohnung in Paderborn – und da persönliche Treffen sowieso nicht möglich sind, bleibt auch der Kontakt mit meinem Kommilitonen via Skype und Messengern ebenso weiter bestehen, als wäre ich Zuhause.“

 

ADRIAN BÜTTEMEIER | Dirigieren, Hochschule für Musik Detmold

AUSLANDSSEMESTER AN DER KÖNIGLICHEN MUSIKHOCHSCHULE IN STOCKHOLM

„An der HfM Detmold studiere ich Dirigieren in der Studienrichtung Chorleitung im achten Bachelor-Semester. Für mich fiel der Ausbruch der Corona-Pandemie also ausgerechnet in das letzte Semester der Regelstudienzeit und damit die Phase der unmittelbaren Abschlussprüfungsvorbereitung. Diese hätte ich eigentlich als Austauschstudent an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm verbracht. Nach anfänglichen Zweifeln bin ich mittlerweile schlicht begeistert von den vielen Online-Möglichkeiten, welche meine Gasthochschule und ihre Lehrenden aus der Krise heraus entwickeln. Für die meisten Seminare und selbst für künstlerischen Einzelunterricht wurden Lösungen über Videotelefonie gefunden. Wo dies wegen der Zeitversetzung keinen Sinn ergab (z.B. in Ensembleproben) begann die Suche nach alternativen Lösungen. So wurde kurzfristig u.a. eine neue Vortragsreihe in Kooperation mit anderen Dirigierklassen auf der Welt entwickelt, in welcher einmal wöchentlich Gastdozenten eingeladen sind, die außerhalb der Corona-Zeiten für solche Vorträge nicht zu gewinnen wären.

Auch wenn ich aufgrund der behördlichen Einschränkungen nur mehr oder minder adäquat mit meinen eigenen Chören arbeiten kann und selbst von zahlreichen Konzertabsagen betroffen bin, begeistert mich das große kreative Potential, das sich im Kulturbetrieb aus der Krise heraus plötzlich auftut: Die vielen Ideen von Streaming-Angeboten über Social-Media-Kanäle bis zu Hauskonzerten am offenen Fenster scheinen unendlich. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich durch diese Angebote nun sogar neue Zielgruppen für den Kulturbetrieb erschließen lassen, die ansonsten vielleicht nicht zu erreichen gewesen wären.

Der große Anklang in der Öffentlichkeit zeigt, wie groß der Bedarf nach kulturellen Angeboten gerade in dieser Krisenzeit ist. Ich hoffe sehr und will mich gerne daran beteiligen, dass alle kleinen und großen Akteure der Kultur- und Musikbranche diesen Weg gerade jetzt unermüdlich weitergehen und bin gespannt darauf, welche Chancen sich aus dieser Krise noch ergeben.“